Zitiert: Demokratischer Zugewinn durch Umstieg

Vielleicht sollte die Aufgabe zunächst darin bestehen, aus der romantischen Ausstiegserzählung eine Poetik des Systemwechsels zu machen. Digitale Souveränität sollte nicht als Verlustgeschichte erzählt werden, sondern als demokratischer Zugewinn. Das heißt: Eigene Publikumsbeziehungen aufbauen, statt Follower zu mieten. Eigene Regeln statt toxischer Empfehlungsimpulse. Direkte Zugänge statt algorithmischen Opportunismus. Und eine Öffentlichkeit, in der Journalismus nicht ständig darum kämpfen muss, zwischen einem süßen Lämmchen und dem nächsten Big Mac überhaupt noch gesehen zu werden. Der Ruf nach einem solchen Systemwechsel wird gerade jetzt lauter, da die Medien ins KI-Zeitalter hineingeworfen werden.

Die großen Plattformen haben aus sozialen Netzwerken ein Geschäftsmodell gemacht. Politik und Journalismus haben sich dieser Methodik bereitwillig verschrieben. Eine vermeintlich analoge Medienwelt zu restaurieren ist keine Option. Wir sollten allerdings die nächste Kommunikationsgeneration auch nicht wieder Dritten überlassen. „The Convoy“ ist deshalb kein Plädoyer für eine digitale Rückwärtsbewegung. Er ist der Versuch, die Bedingungen öffentlicher Kommunikation wieder demokratisch verhandelbar zu machen. Für den Journalismus hieße das die Rückkehr zu einer fast banal klingenden Idee: Wer Öffentlichkeit herstellen will, sollte auch die Wege ebnen, auf denen er sein Publikum erreicht.

Leif Kramp, Stephan Weichert, epd medien, 24.10.2026 (online)