Die größte Kränkung besteht deshalb nicht darin, dass KI eines Tages wie ein brillanter Journalist schreiben könnte. Sie liegt darin, dass sie heute erschreckend viel von dem simulieren kann, was wir als unterdurchschnittlichen Journalismus bereits akzeptiert haben. Je stärker sich journalistische Leistung auf routinierte Textproduktion verengt, desto eher wird sie substituierbar.
Das könnte zu einer noch brutaleren Zweiteilung des Marktes führen, die allseits befürchtet wird. Auf der einen Seite synthetische Massenware zu Grenzkosten nahe null, hochgradig personalisierbar und sofort verfügbar. Auf der anderen Formen des Journalismus, die sich gerade nicht x-beliebig skalieren lassen: Vorort-Recherche, über Jahre gewonnene Quellenbeziehungen, Fachwissen, Erfahrung, Urteilskraft und die Fähigkeit, Widersprüche und Zweifel auszuhalten. Die gute Nachricht ist: Vielleicht macht KI ja ausgerechnet das wieder sichtbar, was journalistische Professionalität einmal ausmachte.
Die alles entscheidende ökonomische Frage ist nicht, ob KI den Medienhäusern Effizienzgewinne beschert. Natürlich tut sie das. Spannender ist, wofür Medienhäuser diese Gewinne verwenden. Wenn KI vor allem dazu dienen soll, mit weniger menschlicher Intelligenz noch mehr banalen Content herzustellen, saniert man womöglich kurzfristig die Bilanz, beschädigt aber langfristig die publizistische Marke. Konsequenter wäre, die gewonnene Zeit in Recherche, Präsenz, Quellenpflege und Expertise zu investieren.
Stephan Weichert epd medien, 19.09.2026 (online)

