Der durchschnittliche gemessene IQ in wohlhabenden Ländern nimmt ab. Wer darin Anzeichen für den Untergang sieht, hat vielleicht selbst nicht genug nachgedacht. […]
Vielmehr deutet einiges darauf hin, dass nicht die Intelligenz per se abnimmt. Nur werden nicht alle im Intelligenztest erfassten Denkleistungen in dieser Form heute noch so stark trainiert oder gebraucht. Man könnte das als Zeichen der Verkümmerung deuten. Dass wir Menschen die Orientierung, die Rechenleistung, das logische Denken an unsere Smartphones auslagern. Man könnte sich aber auch fragen: Was erfasst der Test vielleicht nicht, das heute umso mehr gebraucht wird? […]
Wer mit Sprachmodellen wirklich weiterkommen will, braucht Kreativität, Urteilsvermögen und die Fähigkeit, Probleme so zu beschreiben, dass sie lösbar werden. […] Kurz gesagt: Es braucht Metakognition, die Beobachtung des eigenen Denkens.
Metakognition ist eigentlich immens wichtig für den Lernerfolg, das ist gut belegt. Genau diesen Denkprozess misst ein IQ-Test aber nicht. Er trennt nicht jene, die selbstsicher ihrer falschen Einschätzung vertrauen, von jenen, die merken, dass sie etwas nicht verstanden haben, der falschen Frage nachgegangen sind oder die Antwort zu schnell hingenommen haben.
Valentina Reese, sueddeutsche.de, 05.08.2026 (online)

