re:publica2010 – Jeff Jarvis: “The German ParadoxPrivacy, publicness, and penises”

16.04.2010

Die vierte re:publica ist gerade zu Ende gegangen. Was als Offline-Treff für Computernerds vor vier Jahren begann hat sich inzwischen zu einem internationalen Kongress für digitale Netzkultur entwickelt, der medial (nicht nur im Web auch in den klassischen Medien) große Aufmerksamkeit erregt hat. Kalkscheune und Friedrichstadtpalast wurden auch dieses Jahr zum Austragungsort für insgesamt 165 Veranstaltungen mit Referenten aus 30 Ländern.

 

Neben sperrigen Themen wie Netzneutralität und Anti-Piraterie-Abkommen Acta waren viele Panels auch Netzaktivisten aus Ländern mit staatlicher Zensur wie China, Iran und Weißrussland gewidmet. Auf anderen Veranstaltungen ging es um die kulturellen Auswirkungen des Netzes und Netzwerkes. Besonderes Interesse erweckte bei vielen der bis dato eher in der Web-Szene unbekannte Bremer Professor für Organisationspsychologie Peter Kruse mit seinem Vortrag über das “Leben im Netzwerk.” Mehr dazu findet sich ausführlich auf dem Weblog des Medienjournalisten und Blogger Daniel Fiene bei: http://www.mywebwork.de/fiene.tv/archive/category/republica2010/

 

 

Kalkuliertes Aufsehen erregte auch der als Starredner gefeierte US-amerikanische Buchautor, Blogger und Dozent Jeff Jarvis. In seinem umstrittenen Buch „Was würde Google tun?“ beschrieb er eine Zukunft des Journalismus jenseits der Druckerpresse. Sein Überlebensszenario für den Journalismus lautet: Medien sollten sich nur noch auf die Berichterstattung ganz bestimmter Bereiche spezialisieren und den Rest outsourcen und online verlinken. Diese Art kollaborativer Netzwerk-Journalismus, in denen auch Blogger die Rolle von Journalisten übernehmen können stößt natürlich bei Redakteuren großer etablierter Zeitungen auf Abneigung. Sie fühlen sich sogar von Jarvis provoziert, wenn er zum Beispiel sagt: „Die Leser wissen viel mehr als die Journalisten!“ Doch genau in dieser Provokation liegt Jeff Jarvis Erfolg und genau darauf setzte der Internprovokateur auch bei seinem Auftritt auf der diesjährigen re:publica.

 


“Hallo Berlin, heute möchte ich mit Euch über das Deutsche Paradoxon reden: Ich möchte über Privatsphäre und Öffentlichkeit reden. Und um das zu illustrieren, werde ich Penisse verwenden.” Dazu projizierte er ein Foto mit nackten Männern und Frauen in einer Sauna an die Wand. Er wundere sich über die große Besorgnis der Deutschen zur Privatsphäre und Datenschutz bei Google Street View und Facebook. Denn schließlich gebe es hier – was in Amerika undenkbar wäre – gemischte Saunen. Sein Fazit lautete: „Ich habe gelernt: Deutsche wünschen sich überall Privatsphäre, außer in ihrem Intimbereich.“

Sein aktuelles Thema ist die „Verteidigung der Öffentlichkeit“. Die Furcht der Europäer vor dem Verlust ihrer Privatsphäre im Internet findet er widersprüchlich, sogar gefährlich: “Wenn man Google daran hindert, Fotos von einer öffentlichen Strasse zu machen, wen würde man als nächstes  hindern? Einen Journalisten? Einen Bürger?”, fragte Jarvis in den prall gefüllten Saal des Friedrichstadtpalastes hinein.

 

 

Im Zeitalter des Internets müssen Privatheit und Öffentlichkeit neu definiert werden, forderte Jarvis. Er selbst liebt die Öffentlichkeit auch im Privaten. So diente er sich als eigenes Beispiel: Auf seinem viel beachteten Blog Buzzmachine finden sich heute noch Blogeinträge zu Erfahrungen mit seinem geheilten Prostatakrebs. Diese Einträge brachten ihm einen enormen Mehrwert: Moralischen Beistand und wertvolle Tipps aus der Blogsphäre, so Jarvis. Menschen hätten ihn darauf vorbereitet, was bei der Therapie auf ihn zukomme und ihm praktische Tipps übermittelt, die er sonst nie bekommen hätte. Praktische Nebenwirkung dieses Bloggens, was er aber in seinem Vortrag aber unerwähnt ließ, ist übrigens die Google Ads Werbung für schonende Prostatakrebstherapie rechts neben seinen Blogeinträgen.

http://www.buzzmachine.com/2009/08/10/the-small-c-and-me/

 

Zum Nachhören der gesamten Veranstaltung:

{accesstext mode=”level” level=”author”} Um die Audio und Videodateien des Artikels abspielen zu können, müssen Sie sich anmelden. || >{mp3}Republica-Jarvis{/mp3}< {/accesstext}

 

Fazit zur re:publica:

Wissenswert: *****
Unterhaltungswert: *****
Kontaktwert: *****
Ambiente: ***

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Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
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Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)