Dokumentiert: Leopold Hoesch zur Lage des Dokumentarfilms und zum Agieren der Sender

 

FK: Wie ist es denn aus Ihrer Sicht grundsätzlich um das Dokumentarische im deutschen Fernsehen bestellt? Viele Kollegen klagen ja über gestrichene Sendeplätze und drastisch gekürzte Etats.

 

Hoesch: Ich empfehle all diesen Klagenden einen Besuch im Ausland. Wenn man sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den USA, in Frankreich, Italien oder im stets so gepriesenen Großbritannien anschaut, dann wird schnell deutlich, dass unser Fernsehen hinsichtlich seiner Breite und Tiefe absolut einmalig ist. Es gibt spezielle Leuchttürme, die vielleicht anderswo noch heller leuchten, doch das sind Einzelsegmente. Leider ist den meisten Gebührenzahlern überhaupt nicht bewusst, welch tolles Fernsehen sie mit ihrem Geld finanzieren.

 

 

 

FK: Sie klingen jetzt gerade wie ein öffentlich-rechtlicher Lobbyist…

Hoesch: Die Tatsache, dass dieses Fernsehen gut ist, heißt ja nicht, dass man es für das nicht gerade knappe Gebührenaufkommen, das an die Sender fließt, nicht noch besser machen könnte. Für Sparzwänge beim Programm habe ich, ehrlich gesagt, kein Verständnis. Nur aus meiner eigenen Beobachtung heraus sind bei den Dokumentationen die Budgets in den letzten Jahren um zirka 25 Prozent gesunken. Aber meine eigentliche Kritik setzt woanders an. Da kann kein echtes Unternehmertum entstehen.

 

 

FK: Nämlich? Wo liegen die Probleme?

Hoesch: Wir Produzenten müssen raus aus dieser Taxifahrer-Mentalität der Auftragsproduktionen. Die geht so: Kunde steigt ein, sie fahren ihn von A nach B, Kunde zahlt und Kunde steigt aus – Geschäft erledigt. Produzenten müssen Anreize haben, echte Unternehmer zu werden. Diese Anreize suchen sie im deutschen Fernseholigopol, liebevoll umschrieben als duales System, meist aber erfolglos. Solange die Sender auf dem Total-Buyout-Prinzip beharren, wonach Produzenten alle, wirklich alle Rechte an einer Produktion abtreten müssen, kann da kein echtes Unternehmertum, geschweige denn Wettbewerb entstehen. Was ARD und ZDF da über Jahre in ihren Schubladen horten, wird totes Kapital. Wenn man dieses Kapital von Anfang an bei den Produzenten beließe, könnten die damit wirtschaften und beginnen, echte Unternehmen zu werden, die auch den deutschen Markt besser machen würden. So jedoch stehen wir deutschen Produzenten international fast immer mit leeren Händen da und werden dafür eigentlich belächelt. Wenn man bedenkt, wie viel Geld in den deutschen Dokumentarfilm investiert wird und dass er gleichzeitig trotz seiner allseits anerkannten Qualitäten auf dem internationalen Markt so gut wie keine Rolle spielt, ist das ein ungesundes Missverhältnis. Und das hat nichts mit dem immer wieder angesprochenen Sprachproblem zu tun. Wir haben 2003 die Trilogie „Stalingrad“ produziert, bei der es uns ausnahmsweise gelungen ist, die Rechte zu behalten. Diesen Doku-Dreiteiler haben wir seitdem in 80 Länder verkauft und wir legen ihn zum 70. Jahrestag 2013 gerade neu auf.

 

 

FK: Gibt es denn Zeichen der Hoffnung, dass sich an diesem verkrusteten System in absehbarer Zeit etwas ändern könnte?

Hoesch: Es ist ein kleiner Fortschritt, dass sich die Produzenten zu einer Allianz zusammengeschlossen haben und nun mit einer Stimme sprechen. Das hat zwar fast 20 Jahre gedauert, es stärkt nun aber zumindest unsere Verhandlungsposition. Es gibt so etwas wie eine Politik der kleinen Schritte, doch ein Durchbruch ist da noch lange nicht in Sicht. Dabei wäre der Rechteverbleib der nicht ausgewerteten Rechte beim Produzenten eine Win-Win-Situation für Gebührenzahler, Sender und Produzenten. Und die weiteren am kreativen Prozess der Entstehung Beteiligten könnten über Verwertungsgesellschaften am Erfolg partizipieren. Was haben die Gebührenzahler davon, wenn Programme im großen Stil unausgewertet bleiben, die eigentlich international erfolgreich sein könnten? Filmexport ist Kulturexport, das sollte man nie vergessen!

 

 

FK: Aber was hindert die Sender, im Rechtebereich, sagen wir: kulanter zu werden?

Hoesch: In der Ökonomie der Sender macht es keinen Sinn, diese Rechte flächendeckend auszuwerten, das ist der Grund, warum sie es nicht tun. Für Produzenten hingegen würde es sehr viel Sinn machen. Argumente dagegen hört man viele. Richtig überzeugt hat mich noch keines, und besonders jenes der öffentlich-rechtlichen Sender nicht, das da besagt, man könne Rechte, die der Gebührenzahler bezahlt habe, nicht einfach dem Produzenten überlassen. Ich persönlich finde, dass man es dem Gebührenzahler schuldig ist, die tatsächlich vorhandenen Werte nicht ungenutzt zu lassen! Und wenn die Sender mal nicht auf ihre Verantwortung gegenüber den Gebührenzahlern verweisen, dann kommt das Argument, für den deutschen Film gebe es ohnehin keinen internationalen Markt und uns Produzenten fehle auf diesem Terrain doch jegliche Erfahrung. Aber woher soll ein Produzent seine Fähigkeiten im internationalen Geschäft haben, wenn er sein Handwerkszeug auf diesem Markt nie erproben durfte, weil er schlicht nichts zu verkaufen hatte? Warum lassen die Sender es uns nicht wenigstens versuchen?

 

 

Funkkorrespondenz, 50/2012, S. 15 ff.


Leopold Hoesch ist Gründer und – gemeinsam mit Sebastian Dehnhardt – Geschäftsführer von Broadview TV

 

 

 

Kommentar verfassen

Onlinefilm.org

Zitat der Woche
"Die aktuelle Höhe des Rundfunkbeitrags von 17,50 Euro entspricht längst nicht mehr dem realen Aufwand", sagte der BR-Rundfunkratsvorsitzende Lorenz Wolf. "Legt man die derzeitige Rücklagenentnahme auf die Höhe des monatlichen Beitrags um, dann werden heute real 18,35 Euro verausgabt. Diese Rücklage wird bis 2020 gänzlich erschöpft sein. Mit 17,50 Euro wäre der vorgelegte Wirtschaftsplan 2019 nicht realisierbar." Dwdl.de, 06.12.2018 Weiterlesen    
Out of Space
Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)