Zitiert: Was öffentlich-rechtlicher Rundfunk sein könnte

Es gibt ein Bild, das die Diskrepanz anschaulich macht von dem, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist, und dem, was es sein könnte. Das Bild stammt aus dem Film Wendezeit von 2019, einem dieser Deutsch-deutschen-Feiertagsfilme, mit denen die ARD die Leute am 3. Oktober daran erinnert, warum sie frei haben. Diese Filme sind so generisch wie ihre Titel, und doch werden sie in einer Besinnungslosigkeit produziert, bei der man sich fragen kann, wer da woran jemals ein spezifisches Interesse gehabt hat, dass eine Kostenstelle ein nicht unbeträchtliches Budget für eine solche Produktion freigibt.

In Wendezeit geht es um eine Spionagegeschichte, Robert Hunger-Bühler spielt Markus Wolf, den berühmten Chef der Stasi-Auslandsspionage, der in den letzten Jahren der DDR für den Reformkurs Gorbatschows warb und durch sein Buch Die Troika kurzzeitig als Hoffnungsträger galt. Deshalb sprach Wolf auch auf der Demonstration vom 4. November 1989 am Alexanderplatz, und Wendezeit zeigt diesen Moment, in dem Robert Hunger-Bühler im grauen Markus-Wolf-Trenchcoat in die historischen Aufnahmen hineinmontiert wird.

Auf diesen historischen Aufnahmen ist auch Thomas Heise zu sehen, der sich in einem für Heise typischen Schritt der – Selbstermächtigung klingt schon viel zu problembewusst; der sich den Platz nahm zwei Meter neben dem Zentrum aller öffentlichen Aufmerksamkeit an diesem Tag, indem er sich an der aus Holz gezimmerten Redebühne auf dem Pritschenwagen befestigte mit einem langen, orangenen Tuch, mit der er immer mal wieder ringen musste, damit er filmen konnte.

Was dann in Wendezeit zu der absurden Situation führt, dass Heise, dem es in seiner Arbeit um Wahrhaftigkeit ging, den Robert Hunger-Bühler-Wolf filmt, also die Mimikry, die in diesen Filmen an die Stelle von Geschichtsbewusstsein getreten ist. So gibt Heises Anwesenheit im falschen Film ein Fingerzeig darauf, wie es richtig sein könnte – in einer besseren Welt hätten die öffentlich-rechtlichen Sender wenigstens jedes zweite Jahr Heise für einen Bruchteil des Wendezeit-Budgets eine Feiertagsarbeit zur deutschen Geschichte machen lassen, an der er sich in seinen Filmen abgearbeitet hat.

Aber dafür hätte man natürlich wissen müssen, wer Thomas Heise ist. Auch dafür ist die Aufnahme der Bühne vom 4. November ein triftiges Bild: Man sieht Heise nur, wenn man von ihm weiß, weil der Blick sich zuerst auf die Leute am Mikrofon richtet. Wie das SZ-Magazins, das den Ablauf des 4. November 1989 vor Jahren einmal akribisch rekonstruiert hatte, ohne Heises Blick darauf zu würdigen.

Matthias Dell, cargo-film.de, 01.06.2024 (online)

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