In Redaktionen gilt eine Regel, die älter ist als das Internet: Kein Text geht raus, den nur eine Person gesehen hat. Wer schreibt, gibt nicht frei. Das Vieraugenprinzip sichert, dass journalistische Standards eingehalten werden.
Diese Kontrolle kann in ein Verhör ausarten: Woher kommt diese Information? Hat die Gegenseite geantwortet, und wenn nein, seit wann liegt ihr eine Anfrage vor? Warum steht der Vorwurf in der Überschrift und die Erwiderung in Zeile 42? Das Vieraugenprinzip nervt, Journalist:innen empfinden den Kontrollschritt immer wieder auch als Angriff auf ihre Kunst. Gleichzeitig ist er für das journalistische Arbeiten elementar.
Natürlich ist das Vieraugenprinzip auch unter zwei Menschen nicht immer so robust, wie es klingt. Schon 2010 beschrieb das „medium magazin“: Wer Kolleg:innen Fehler nachweist, gilt schnell als Korinthenkacker. Entsprechend weich fällt das Gegenlesen oft aus.
Genau dieser Schritt läuft in der Arbeit mit KI erst recht Gefahr, unter die Räder zu kommen. Natürlich kann ein:e Journalist:in einem Sprachmodell dieselben Kontrollfragen stellen wie einem Menschen – und bekommt dann auch sofort und höflich Antworten. Nur sind auch das generierte Texte und keine Erinnerung an eine Recherche.
Worin das münden kann, sieht man bei Axel Springers KI-Portal „Upday“, das ungehemmt und ohne Quellenangaben von anderen Medien abschreibt, Details verfälscht und Zitate aus dem Kontext reißt, immer mit dem für Sprachmodelle typischen Selbstbewusstsein – und trotz der 30 Mitarbeiter:innen „aus allen Redaktionen von Axel Springer“, die „Upday“ laut dem Verlag angeblich betreuen.
„Human in the loop“ klingt nach einer zusätzlichen Sicherung, nach dem zweiten Paar von vier Augen. Tatsächlich ersetzt es aber oft nicht das zweite Augenpaar, sondern das erste. Der Standard, den sich die Branche mit dem Vieraugenprinzip selbst gegeben hat, wird damit nicht ergänzt, sondern unterschritten.
Dennis Horn, Übermedien, 24.08.2026 (online)

