Was zum Beispiel Medienkritiker:innen Stars gemeinhin als mangelnde Innovation vorwerfen, ist in Wahrheit womöglich ein normaler Prozess kreativen Alterns. Der alte Picasso durfte Meisterwerke schaffen, die auf seinen früheren Erfindungen aufbauten. Henssler und Raab werden dafür gescholten. Was ungerecht ist.
Vor allem, weil es ja andere gibt, die sich dafür viel besser schelten lassen: die Sender!
Dort nämlich liegen die wahren Versäumnisse dieser Entwicklung. Denn schon aus Selbsterhalt müsste es die vordringlichste Aufgabe der Programmverantwortlichen sein, permanent nach 30-Jährigen Ausschau zu halten, die gerade ihre „blaue Periode“ durchlaufen, vor Kreativität nur so sprühen – und Gelegenheiten zu schaffen, diese möglichst publikumswirksam auszuleben. Ohne all die Zwänge, die ihnen derzeit dabei auferlegt werden: Nacht- und Nischensendeplätze, Mini-Budgets und günstige Block-Aufzeichnungen, Mediathekenvorrang und lineare Resteverwertung.
Auch dafür gibt es nachvollziehbare Gründe: In der Werbemarktflaute und angesichts anhaltender Gebührendiskussionen leiden die Sender mehr denn je unter wirtschaftlichen (Spar-)Zwängen. Deshalb schicken Sie nur noch minimale Variationen dessen auf Sendung, was das Publikum schon kennt und goutiert. […]
Die Hensslers und Raabs von morgen brauchen nicht nur Sendeplätze, auf denen sie gefunden und gesehen werden können – sie brauchen auch die Geduld und Beharrlichkeit ihrer Auftraggeber, für die es zunehmend selbstverständlich ist, neuen Produktionen direkt den Stecker zu ziehen, wenn sie nach zwei Folgen noch nicht quotenknallen. Das mag beim x-ten-Reality-Aufguss, der sich ins Nachtprogramm verschieben lässt, nicht so dramatisch sein. Für die Entwicklung derjenigen, die in Zukunft größere Teile der gewohnheitsbasierten Bewegtbildunterhaltung schultern sollen (in welchem Kanal auch immer), ist es das allerdings schon. Denn wenn das Fernsehen weiter nur seine Altmeister abfeiert, während die jungen Talente im Keller malen, wird es schneller zum Museum als ohnehin schon.
Peer Schrader, dwdl.de, 23,11.2025 (online)

