Siegfried Weischenberg schaut sich an, wie deutsche Publizisten nach dem Zweiten Weltkrieg ihr NS-Mitläufertum fleißig umdeuteten. Was er findet, reicht bis in unsere Gegenwart.
Ein gespaltener Baum wächst kaum wieder zusammen. So erging es auch der deutschen Publizistik, seit am 30. Januar 1933 der Blitz in sie fuhr. Handelte es sich bis dahin ganz selbstverständlich um eine deutsch-jüdische Publizistik, gabelte sich nun der Weg. Bedroht werden konnte man in beiden Fällen, und doch bestand ein fundamentaler Unterschied darin, ob man aufgrund einer politischen Haltung oder grundsätzlich als Person verfolgt wurde. […]
Durch etwa 100 Autobiographien von „Medienlegenden“ hat sich Weischenberg gelesen. Auf den ersten Blick ist das Ergebnis eine Sammlung von dicht bei den Akteuren bleibenden, die Memoiren kritisch einordnenden Journalistenporträts. […]
Aufgrund der vielen Querbezüge könnte man von einer Netzwerkanalyse sprechen, doch der große Mehrwert dieser Studie liegt in ihrer anekdotischen Evidenz. […]
Erstaunlich ist aber doch, dass Profis der Recherche bei der Selbstdarstellung so sehr auf Ästhetisierung setzen. […] So zeichneten sich die Autobiographien der meisten nichtjüdischen Publizisten nämlich durch eine frappierend deutliche Dimension des Verschweigens und Verdrängens des eigenen Mitläufertums aus. Immer wieder fände sich die Behauptung, man habe „zwischen den Zeilen“ Widerstand geleistet.
Oliver Jungen, faz.net, 22.04.2026 (online)

