Doch diese Art des plattformkonformen, digitalen Denkens hat sich der Redaktionen in den vergangenen Jahrzehnten so sehr bemächtigt, dass bestimmte journalistische Gewissheiten schleichend verschwunden sind. So schleichend, dass die Erosion der redaktionellen Standards immer seltener überhaupt registriert werden. […]
Wer seinen Journalismus an diese Aufmerksamkeitsökonomie der Plattformen anpasst, verkauft die Kategorie der Relevanz, nach der sich im Journalismus alles richtet, an Big Tech. Relevanz ist im Journalismus nämlich nicht deckungsgleich mit den Vorlieben der Nutzer. Sie lässt sich daher auch nicht eins zu eins mit Klickzahlen oder Interaktionsraten bemessen.
Trotzdem bemessen Redaktionen den Erfolg ihres Journalismus vorrangig nach diesen Metriken. Kopfkratzend stehen sie Jahr für Jahr vor Umfragen zur Mediennutzung und wundern sich ob der zunehmenden Unzufriedenheit und Nachrichtenvermeidung wegen zu vieler schlechter Nachrichten. Gleichzeitig pressen sie ihre redaktionellen Inhalte in das enge Korsett der Algorithmen, die negative Emotionen befördern – stets auf der Jagd nach Klicks und längeren Nutzungszeiten. Andere, weniger betriebswirtschaftliche Arten, den eigenen Erfolg oder Misserfolg zu bemessen, haben sich seit Beginn des digitalen Wandels offenbar noch in keinem Medienhaus durchgesetzt – auch nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen, die ja gar nicht auf die Querfinanzierung jedes Beitrags angewiesen sind.
Jana Ballweber, turi2, 02.04.2026 (online)
https://www.turi2.de/community/kna/kurz-und-knackig-das-stockholm-syndrom-der-klassischen-medien/

