Manche Debatten wirken neu und sind vielleicht doch alt? Vor Jahren bin ich durch meinen Kommilitonen Tobias Eberwein auf das Thema „New Journalism“ gestoßen.
In den 1960er und 70er Jahren verschob diese journalistische (?) Bewegung bewusst Grenzen. Autoren wie Tom Wolfe wollten Wirklichkeit nicht nur dokumentieren, sondern erfahrbar machen. Sie arbeiteten mit Szenen, Dialogen, Dramaturgie – literarischen Mitteln also. Die Faktenbasis sollte stimmen, doch sie wurde erzählerisch verdichtet. Und hier und dort wurde auch „konstruiert“; wurden zum Beispiel in einer Reportage mehrere „Zeugenberichte“ zu einer Person verdichtet.
Schon damals wurde intensiv gestritten bzw. reflektiert: Dient diese Form der (tieferen) Wahrheit; weil sie Verständnis erzeugt? Oder ist nicht per se unwahr, was nicht in allen Teilen wahr im Sinne von real ist? Und stößt die „Konstruktion“ nicht per se die Tür auf zur Erfindung im Sinne der Dramaturgie? Darf sich Journalismus nennen, was „Literatur“ ist? (Nicht nur der Spiegel musste sich damit auseinandersetzen.)
All dies sind Fragen, die vor allem im Genre der Reportage relevant waren und relevant sind. (Beim Format „Nachricht“ sind die Grenzen aus guten Gründen enger, klarer…)
Aber auch das Fernsehen kennt dieses Spannungsfeld – vielleicht aus anderen Zwängen heraus. Es muss zeigen, nicht nur berichten. Aber viele Realitäten sind unsichtbar. Also entstanden Symbolbilder, Archivmaterial, Nachstellungen. Die ethische Frage war immer dieselbe: Veranschaulichung – oder Täuschung? Und natürlich hat sich als ein Standard durchgesetzt, zum Beispiel nachgestellte Szenen auch als solche zu kennzeichnen. Selbst wenn sie ohnehin als solche erkennbar waren.
Mit KI erreichen wir nun eine neue Stufe. Sie ermöglicht fotorealistische Bilder für Ereignisse, die es so nie gegeben hat; selbst dann, wenn sie im Sinne des „New Journalism“ Realität transportieren – was gleichwohl zu beweisen wäre. Simulation wird kaum noch von Dokumentation unterscheidbar. Verdichtung kann zur Erfindung werden. Die „nachgestellte Szene“ ist nur noch einen Prompt entfernt. Aber ist der Prompt Recherche? Oder Fantasie? Oder Meinung? So oder so: Er emotionalisiert. Und Emotion schafft Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist eine Währung. Hier liegt die Versuchung. Hier besteht das Problem.
Darum diskutieren wir gerade ein Technologieproblem als eine Wiederkehr einer alten journalistischen Grundfrage: Wie weit darf Gestaltung gehen, bevor sie das Vertrauen untergräbt, auf dem Journalismus beruht – und übrigens auch ethische PR-Arbeit. Ganz unabhängig von KI, die ja „hinzufügt“, während auch „Auslassung“ der „Gestaltung“ im Sinne der Verschleierung von Wahrheit dienen kann.
Die Werkzeuge sind neu. Das Spannungsfeld nicht. Aber es steht unter Strom wie nie zuvor. Das Gebot bleibt Transparenz.
Henrik Schmitz, linkedin, 19.02.2026 (online)

