Nach dem Prinzip „the winner takes it all“ kommen seit der Einführung von KI die Vergütungsvereinbarungen vor allem den großen Medienkonzernen zugute, die in der Lage sind, hohe Entschädigungen auszuhandeln. Lokale und unabhängige Titel müssen sich oft mit lächerlichen Summen begnügen. So schloss OpenAI 2024 Vereinbarungen mit den Verlagshäusern Le Monde, Axel Springer, Condé Nast, News Corp und anderen, die nun sowohl von einigermaßen großzügigen finanziellen Kompensationen des ChatGPT-Entwicklers als auch von der Weiterleitung von Nutzerströmen profitieren.
Laut Daten von Similarweb erreicht der Anteil der durch ChatGPT vermittelten Besuche auf lemonde.fr 10 Prozent – zehnmal so viel wie bei konkurrierenden Nachrichtenmedien. „Ein Zitat aus Le Monde in einem Artikel von ChatGPT bringt uns 20-mal so viele bezahlte Abonnements ein wie ein Le-Monde-Artikel auf Facebook und 50-mal so viele wie auf Google Discover“, sagt Louis Dreyfus, Vorstandsvorsitzender der Le-Monde-Gruppe.7
Wird der Journalismus nun zu einer Investitionsmöglichkeit für Digitalkonzerne, die, nachdem sie den Vertrieb erobert haben, nun in die Produktion von Inhalten einsteigen? Im Grunde genommen ist das Eindringen der KI-Giganten in die Redaktionen weniger ein Bruch als die Fortsetzung eines Prozesses, der Mitte der 2000er Jahre mit der umfassenden Digitalisierung begann.
Für eine gute Sichtbarkeit auf den Plattformen müssen die Medien sofort auf aktuelle Ereignisse reagieren, das bedeutet: mehr, schnellere und kürzere Veröffentlichungen. Online-Journalist:innen verfassen täglich mehrere „Contents“, während ihre Kolleg:innen aus dem Printbereich in der Regel einen oder mehrere Tage Zeit für einen Artikel haben. Doch zunehmend sind die Printjournalist:innen aufgefordert, mit den Online-Redaktionen Schritt zu halten.
So verändert eine Strategie, die ursprünglich zur Steigerung der Reichweite gedacht war, nach und nach auch die Produktion selbst. Zugleich trägt sie zur Veränderung der Lesegewohnheiten bei, was dann für weitere Verlage ein Grund ist, sich diesem Trend anzuschließen.
Durch die Beschleunigung des Nachrichtenbetriebs nimmt der „Schreibtischjournalismus“ weiter zu: Die Arbeit besteht immer weniger aus eigenen Recherchen vor Ort und der Entwicklung einer eigenen Perspektive auf die Ereignisse in der Welt. Stattdessen werden hauptsächlich vorgefertigte Informationen – wie Agenturmeldungen oder Pressemitteilungen – aufbereitet.
Evgeny Morozov, Le Monde diplomatique, 11.06.2026 (online)

