Alle paar Jahre werden Ereignisse zum Epochenbruch erklärt, von 9/11 über die Finanzkrise und Euro-Krise, die sogenannte Migrationskrise, Covid und beim Ukraine-Krieg. Das heißt aber nicht, dass diese Krisen jeweils grundlegende Epochenbrüche waren. […] Ob sie zu großen Zäsuren werden, die Gesellschaften langfristig grundlegend verändern, wissen wir erst später. Alles andere sind erst einmal Annahmen von verunsicherten und betroffenen Zeitgenossen, die warnen. Und dann stellen wir später fest, dass der Euro immer noch da ist, dass selbst die terroristischen Anschläge den westlichen Alltag wenig verändert haben. Während der Pandemie waren viele sicher, dass das urbane Leben künftig ein anderes sein wird. Heute tanzen die Menschen wieder in Clubs und Festivals dicht beieinander. Epochenbrüche werden oft zu schnell ausgerufen. […]
Was wir als epochalen Wandel oder harte Zäsur wahrnehmen, beschränkt sich oft auf bestimmte Regionen. Für die Ukraine ist der russische Einmarsch ein epochaler Bruch. Menschen müssen fliehen, zur Armee, Familien werden zerrissen. Auch für Europa hat der Krieg Auswirkungen. Aber: Hat sich das Leben der meisten Westeuropäer durch diesen Krieg wirklich grundlegend verändert? […]
Der Begriff der Epoche ist in der Geschichtswissenschaft sehr, sehr groß gefasst. Der Epochenwandel vom Mittelalter zur Neuzeit um 1500 war kein Ereignis von einem Jahr, sondern ein prozesshaftes Zusammenspiel langfristiger Veränderungen. Die konfessionelle Spaltung im Zuge der Reformation prägte Gesellschaften über Jahrhunderte. Der Buchdruck veränderte die gesamte Wissensbildung bis zum 20. Jahrhundert. Dass die Europäer die Welt entdeckten und eroberten, prägte viele Regionen und das Bewusstsein über die Welt. Solche grundlegenden, miteinander verbundenen Wandlungsprozesse formierten eine neue Epoche für rund 500 Jahre. […]
Die Ausrufe sind ja oft strategisch: Sie wollen verhindern, dass das, was man gerade fürchtet, tatsächlich epochal durchschlägt. Die jeweilige Annahme, dass eine bestimmte Krise die Welt aus den Fugen geraten lässt, ist oft nötig, damit gerade dies nicht wirklich eintritt. So sollen Ressourcen mobilisiert werden. Ein Problem entsteht daher eher, wenn dieser Aufschrei ausbleibt oder nach kurzer Zeit kein Gehör mehr findet, wie derzeit etwa beim Klimawandel.
Frank Bösch, sueddeutsche.de, 25.01.2026 (online)

