Was Altenbockums Artikel über den konkreten Kommentar hinaus so problematisch macht, ist ein inzwischen gängiger Taschenspielertrick dieser Tage. Er setzt die „hart arbeitende Mitte“ der Gesellschaft gleich mit dem Begriff von den „normalen“ Menschen, als handele es sich um Synonyme. Dabei ist die Art, wie Altenbockum „Normalität“ definiert, äußerst exklusiv im Sinne von: ausschließend. Wer geschieden ist, gehört schon nicht mehr dazu, wer kinderlos oder alleinerziehend ist, auch nicht, wer homosexuell ist, erst recht nicht. Die Liste der nicht Normalen lässt sich aus dem, was Altenbockum schreibt, ergänzen um Vegetarier und Behinderte. Ausländer gehören mutmaßlich eh auf die Liste, ohne dass das eigens erwähnt wird.
Dass die Politik die Sorgen derjenigen zu wenig im Blick hat, die durch ihre Arbeit und ihre Steuern alles am Laufen halten, ist eine nachvollziehbare Kritik. Der Trick: Altenbockum kombiniert die Klage mit einem zutiefst reaktionären Blick auf die Gesellschaft und mit der Beschwerde, als normaler Mensch nicht mehr genug gewürdigt zu werden, gerade für seine Normalität. Warum sollte die Sorge um die „hart arbeitende Mitte“ der Gesellschaft nicht auch schwule Männer umfassen, sich abrackernde Migranten, geschiedene Familienmütter und -väter, die ihren Berufen nachgehen und – und sei es im Patchworkverfahren – sich um ihre Lieben kümmern? Was hat die systemtragende Funktion braver Steuerzahler damit zu tun, welche Sexualität und welche Herkunft jemand hat und ob er Fleisch isst? Wieso können die nicht auch Bürger sein, die „alles richtig gemacht haben“?
Altenbockums Vorstellungen von „Normalität“ sind in einem Weltbild verankert, das bestenfalls aus den Fünfzigerjahren stammt und schlechterenfalls ein paar Jahre älter ist.
Stefan Niggemeier, sueddeutsche.de, 14.07.2026 (online)

