Vieles spricht dafür, dass wir seit dem späten 20. Jahrhundert einen strukturellen Epochenbruch erleben, den man noch in 100 oder 300 Jahren diagnostizieren kann. Die Digitalisierung hat das Alltagsleben, das Denken und Handeln mindestens so stark verändert wie das Aufkommen von gedruckter Schriftlichkeit. Dazu kommt das, was wir seit den 1990er-Jahren Globalisierung nennen: eine verdichtete Verflechtung der Welt in allen Lebensbereichen. Damit einher geht eine neuartige Mobilität, worunter auch die Migration fällt. Das Wissen über die Erderwärmung zählt ebenfalls zu diesen Prozessen. Erst das Zusammenspiel dieser grundlegenden strukturellen Veränderungen macht den großen Epochenbruch aus. Die Finanzkrise 2008, Covid oder Trumps Politik sind eher ein Ergebnis dieses Wandels. […]
Die Zunahme von nationalistischen Regierungen, die demokratische Rechte abbauen, ist unübersehbar. Es ist jedoch offen, ob die weltweite Demokratisierungswelle der 1990er nur eine Phase war. Im Vergleich zu den 1970er-Jahren ist die Welt immer noch sehr demokratisch. Damals herrschten von Südkorea bis Chile Autokratien, in Lateinamerika, Afrika und Asien fast überall. […]
Frank Bösch, sueddeutsche.de, 25.01.2026 (online)

