Trump wird manchmal als pathologischer Lügner im Weißen Haus dargestellt. Vielleicht ist aber auch das Gegenteil richtig, und er ist, was die großen Ziele betrifft, der ehrlichste Präsident der USA seit Langem. Was nicht heißt, dass diese Tugend irgendetwas aufwiegen würde. […]
Aber womöglich ist es in erster Linie eine Neuigkeit in Sachen der Kommunikation. Die üble Haltung ist nicht unbedingt neu, siehe George W. Bush, siehe etliche US-Präsidenten vor ihm. Die Offenheit ist es. Womit sich für Menschen weltweit die Frage stellt, ob die Scheinheiligkeit früherer Jahre etwas ist, um das man trauern sollte.
Zunächst: Diese Scheinheiligkeit ist etwas, an dem auch die Europäer sich jahrzehntelang beteiligt haben. Die alte völkerrechtliche Ordnung aus der Zeit nach 1945, die heute so oft und teils nostalgisch beschworen wird, war ja nur für jene Menschen, die in den Machtzentren lebten – also in den USA, Europa oder der Sowjetunion –, eine Friedensordnung. Für die anderen, die in Ländern der Peripherie lebten, war sie eher eine Herrschaftsordnung. Für sie war der Kalte Krieg oft gar nicht kalt, die großen Mächte führten Stellvertreterkriege, sei es in Südostasien, sei es in arabischen oder afrikanischen Ländern – und scherten sich ums Völkerrecht wenig. Die Europäer sahen zu. […]
Die neue Schamlosigkeit, die nun von Trump ausgeht, ist etwas, das die Europäer sichtlich um Worte ringen lässt. Wie viel leichter wäre es den europäischen Regierungen gefallen, wenn die Kollegen in Washington sich wenigstens um eine völkerrechtliche Pseudobegründung bemüht hätten für ihren Überfall auf Venezuela? Egal, ob in den Jugoslawienkriegen der 1990er-Jahre, in Libyen oder in Afghanistan, die Europäer sind in der Vergangenheit gern bereit gewesen, auch bei kreativen Umdeutungen des Völkerrechts mitzumachen, solange man nur an dem Selbstbild festhalten konnte, man trete „für das Recht“ ein. Den Gefallen hat Trump ihnen diesmal nicht getan.
Ronen Steinke, sueddeutsche.de, 12.01.2026 (online)

