In einer Netflix-Doku werden die Gesichter minderjähriger Opfer mit KI ersetzt. Lässt sich der Anspruch von Wahrhaftigkeit mit den neuen technischen Möglichkeiten versöhnen? […]
Es sei keine Frage gewesen, dass die Identität der Mädchen geschützt werden muss. Gleichzeitig hätte es „das Herz der Geschichte gravierend beeinträchtigt“, wenn durch das übliche Verpixeln keine Gesichter zu sehen gewesen wären. Das Publikum habe nicht nur erleben müssen, wie jung einige der Mädchen gewesen seien, sondern auch ihre Gefühle. „Es hätte keinen Weg gegeben zu vermitteln, was sie erlebten, ohne es in ihren Gesichtern zu sehen“, sagte Dretzin.
Doch selbst wenn man beste Absichten und große Sorgfalt unterstellt, bleibt es ein gravierender Eingriff in das Originalmaterial. Die Produzentin Nikola Kohl hält deshalb ein pauschales Urteil darüber, ob solche Veränderungen vertretbar sind, für falsch. „Der Dokumentarfilm hat ja in gewisser Weise einen Vertrag mit dem Publikum, nämlich ein Wahrheitsversprechen. Er beansprucht Evidenz, dass man dem Bild vertrauen kann: Was ich sehe, ist wirklich passiert.“ Es müsse individuell abgewogen werden zwischen den größeren erzählerischen Möglichkeiten durch einen solchen KI-Einsatz und den Abstrichen, die man damit an das Wahrheitsversprechen eingeht. […]
Je nach Genre verlaufen die Diskussionen um den Einsatz von KI anders. Für Naturfilmer ist es ein besonderes Thema, weil sich spektakuläre Aufnahmen wilder Tiere inzwischen leicht prompten lassen. […]
Die deutschen Dokumentarfilmer sind nach den Worten von Nikola Kohl gerade noch in einer Findungsphase. Sie ist im Vorstand der Sektion Dokumentation der Produktionsallianz und auch in dessen KI-Beirat vertreten. […]
Es geht nach ihren Worten auch um ganz Grundsätzliches: „Es ist sehr wichtig, dass wir als Branche ins Gespräch kommen. Das Wahrheitsversprechen des Dokumentarischen steht nicht zur Disposition – aber wir müssen neu aushandeln, mit welchen Mitteln wir es einlösen. Was sind die Standards? Wo fangen wir an, unsere Glaubwürdigkeit zu beschädigen? Die Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut. Wenn wir die nicht mehr haben, dann haben wir als Dokumentaristen ein Problem.“
Stefan Niggemeier, sueddeutsche.de, 31.08.2026 (online)

