Was den Anti-Gender-Diskurs vollends repräsentativ für den aktuellen politischen Moment macht, ist die Tatsache, dass man einerseits ganz offen zugeben kann, dass es sich um ein extrem mehrheitsfähiges Ressentiment handelt, andererseits immerzu so tun muss, als handele es sich um einen finsteren Akt der Willkürherrschaft, der den Menschen brutal aufgezwungen wird. Seit Jahren geht etwa die Mär um, dass Studierende schlechte Noten bekommen würden, wenn sie keine geschlechtergerechte Sprache verwenden würden. Was stattdessen passiert, ist, dass Gesetze verabschiedet werden, die die Verwendung geschlechtergerechte Sprache an staatlichen Institutionen verbieten: reale Verbote also zur Abwehr erfundener Verbote, gestützt durch eine Mehrheit von Unterdrückten, die sich mit Hilfe des Staates gegen die hegemoniale Kultur zur Wehr setzen muss.
Diese offizielle Politik wird durch eine ganze Armee an Freiwilligen unterstützt, die auf Rezensionsplattformen wie etwa Amazon reihenweise schlechte Rezensionen zu Büchern schreiben, in denen geschlechtergerechte Sprache verwendet wird. Diese Besprechungen zeichnen sich vor allem durch drei Dinge aus: große Aggression, große Sorge um die deutsche Sprache und große sprachliche Schlampigkeit. […]
Am Ende handelt es sich dabei um eine Disziplinierungskampagne, die die kommunikative Infrastruktur des Internets nutzt, um Menschen und Institutionen zu verunsichern. Diese Kampagne wird von zahlreichen Menschen offenbar wie ein Hobby betrieben. Man verwendet dabei gezielt eine Rezensionsplattform wie Amazon, weil man weiß, dass es einen direkten Zusammenhang von Bewerten und Verkaufen gibt. Die Botschaft ist klar: Lass das bleiben, or else… Es ist im Wesentlichen genau die Haltung, die die Gegner geschlechtergerechter Sprache anderen unterstellen.
Jonathan Franzen, Kultur & Kontroverse, 27.01.2026 (online)

