Sie geht auf die Leute zu und erwartet, dass sie bestimmte Einsichten und Positionen teilen. Das hat Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Meine Beobachtung ist, dass wir inzwischen weniger Kritiker der Gesellschaft haben und stattdessen immer mehr Wächter bekommen, die auf die Einhaltung dessen pochen, was sie für alternativlos halten und diejenigen angreifen oder einfach ausladen, die nicht mitziehen. Das ist eine bedenkliche Entwicklung, die dem Selbstverständnis der Moderne widerspricht, die doch auf Vielstimmigkeit angewiesen ist, weil sie keinen dogmatischen Grund hat. Die Moderne lebt vom Streit um das bessere Argument.
Ralf Konersmann, sueddeutsche.de, 04.01.2026 (online)

