Sie brauchen an der Spitze einer Regierung keine Richtlinienkompetenz, sondern Autorität. Die bekommen Sie teilweise durchs Amt, aber vor allem durch Ihre Künste, eine Regierung zu führen. Sie müssen die Leute dazu bekommen, zu tun, was Sie wollen. Schauen Sie, schon der Koalitionsvertrag hegt Sie ein. Ich kann weder einen CDU-Minister bestimmen noch ihn aus eigenem Gutdünken entlassen. Jedenfalls wäre in letzterem Fall die Koalition zu Ende. […]
Bismarck hat gesagt, Politik sei die Kunst des Möglichen. Das heißt, den Rahmen der Möglichkeiten zu erweitern – und nicht nur vollstrecken, was von außen auf einen zukommt. Das hat Angela Merkel aber einmal gesagt: Politik sei, was möglich ist. Das wäre ein Überpragmatismus, der nicht hilfreich ist. Man muss schon auch wissen, was man will. Man braucht Visionen, aber nicht solche, mit denen man zum Arzt muss. Im Silicon Valley habe ich gelernt: Think big! Aber ich habe auch Karl Marx zu zitieren: Eine Idee darf sich nicht an der Wirklichkeit blamieren.
Winfried Kretschmann, sueddeutsche.de, 06.08.2026 (online)

