Noch Anfang der 2010er-Jahre konnten Sie in Nachrufen lesen, X oder Y sei ein Unruhestifter gewesen oder ein Querdenker, der sich nichts vorschreiben ließ, der selbständig und mutig auf heikle Themen zuging. Es galt als Auszeichnung, dass man nicht mit dem Strom schwimmt, sondern den Mut hat, dem gesellschaftlichen Konsens entgegenzutreten und mit eigener Stimme zu sprechen. Das gab es in der Politik, in der Kunst und in der Wissenschaft. Adorno hätten Sie problemlos als „Querdenker“ oder „Unruhestifter“ ansprechen können. Als Norbert Elias in den 1970er-Jahren den Adorno-Preis verliehen bekam, wurde er in der Laudatio als „Außenseiter“ bezeichnet und fühlte sich in besonderer Weise geehrt, weil eben auch Adorno ein solcher Außenseiter des Wissenschaftsbetriebs gewesen war. Das würde heute wahrscheinlich eher Befremden hervorrufen.
Ralf Konersmann, sueddeutsche.de, 04.01.2026 (online)

