Das Hauptproblem besteht heute ja darin, dass viele Herausforderungen oft schrittweise auftreten und damit medial nicht so sichtbar sind. Früher gab es beim Übergang von der Demokratie zur Diktatur oft spektakuläre Bilder: Panzer fuhren in Chile oder Griechenland auf, Politiker wurden erschossen. In Westeuropa protestierten die Menschen, Sanktionen wurden verhängt. Aber Länder wie Russland, die Türkei und nun auch die USA wandeln sich Schritt für Schritt. Das ist medial schwieriger zu vermitteln. Ebenso vollziehen sich der Klimawandel und die Digitalisierung schrittweise. Man braucht aber meist starke, aufrüttelnde Bilder, um Proteste und Kurswechsel einzuleiten. […]
Der Medienwandel ist Teil von Epochenbrüchen und verändert deren Wahrnehmung. Das war um 1500, 1789 oder auch um 1900 so, als Rotationspresse, Film, Foto und Telegrafie eine neue Gleichzeitigkeit schufen, die viele verunsicherte, mobilisierte und als unglaubliche Beschleunigung galt. Durch das Internet entsteht erneut die Wahrnehmung einer beschleunigten Welt, bei der monatlich neue Epochenbrüche aufscheinen und wieder vergessen werden. […]
Ja, ein Epochenbruch ist vor allem eine gewandelte Zeiterfahrung, auf drei Ebenen. Die Vergangenheit wird als etwas Abgeschlossenes gesehen. Etwa: Die DDR gibt es nicht mehr, das analoge Zeitalter ist vorüber. Zugleich wird die Gegenwart als unglaublich schnell und dynamisch empfunden. Und die Zukunft wiederum erscheint offen, einigen als grandioser Neuanfang, anderen als apokalyptischer Niedergang. Beides führt dazu, dass viele Leute die Zukunft gestalten wollen.
Frank Bösch, sueddeutsche.de, 25.01.2026 (online)

