Ich glaube, in vielen Themen kann ich nicht die juristische Brille ablegen. Also gerade, wenn es um den Staat im Verhältnis zum Bürger und der Bürger im Verhältnis zum Staat geht. Ich habe sechs Jahre die Juristische Fakultät besucht und tagein, tagaus diese Fragen aus der juristischen Perspektive erlebt. Das legt man, glaube ich, nicht ab. Das ist das Schöne an so einem Studium, man lernt eine Denkweise, man lernt eine Logik und irgendwie verinnerlicht man die auch. Man muss sich den Limitationen dessen auf jeden Fall bewusst sein, der Grenzen dessen, was man damit korrekt beschreiben kann. Was man damit überhaupt begreifen kann und was nicht.
Ich bin mir dessen aber auch bewusst, habe ja auch eine sozialistische Weltanschauung, aus der ich auch kein Geheimnis mache und aus der heraus ich die Dinge betrachte. Die beißen sich nicht, diese beiden Perspektiven, sondern die ergänzen sich ganz gut und machen quasi das aus, wie ich auf verschiedene politische Fragen blicke, wie ich auf popkulturelle Phänomene blicke.
Das ist der erste Tipp, den ich geben kann: sich dessen bewusst zu sein, also seine eigene Weltanschauung kontextualisieren zu können. Das Schlimmste sind Leute, die denken, sie haben keine Weltanschauung und sie haben keine Ideologie und sie blicken einfach mit dem gesunden Menschenverstand auf die Dinge. Diese Haltung bringt uns wirklich alle ins Grab – weil man kann nicht keine Weltanschauung haben.
Özge İnan, Medium Magazin, 24.04.2026 (online)

