Das Prozedere ist stets dasselbe: Aus dem zur Verfügung gestellten Ausgangsmaterial fertigen die Clipper zahlreiche Kurzvideos an. Die maximale Verknappung wirkt sich natürlich auch auf die Inhalte selbst aus. Wenn nur zehn Sekunden Zeit bleiben, werden naturgemäß die konflikträchtigsten Momente, die giftigsten Zitate, die übertriebensten Meinungen für die Clips ausgewählt. Ebenjene Sätze, die Empörung erzeugen und besonders häufig weitergeleitet werden. Aus manchen Kampagnen entstehen auf diese Weise Zehntausende Kurzvideos, die zusammen mehrere Milliarden Aufrufe generieren. Zahlen, die mit herkömmlichen Werbemitteln und einem ähnlich kleinen Aufwand kaum zu erreichen sind.
Die nun aufschwellende Empörung zeigt vor allem, wie naiv viele Menschen ihre digitale Umwelt immer noch wahrnehmen. Dabei werden wirkliche Momente von sofortiger und globaler Viralität immer seltener. Die großen Plattformen wie Youtube oder Instagram schaffen objektive Metriken wie Trending-Pages zunehmend zugunsten gänzlich algorithmisch personalisierter Startseiten ab. Die Filterblase wird immer hermetischer: Was für den einen ein Megahype ist, davon hat der andere noch nie gehört. Kultureller Konsens wird zum Relikt. Wenn aber niemand mehr weiß, was wirklich angesagt und beliebt ist, dann ist der Anschein von Beliebtheit wichtiger als die Popularität selbst.
Und doch bleibt die Frage, wie nachhaltig diese neue Medienrealität ist – oder ob sie womöglich bald implodiert.
Michael Moorstedt, sueddeutsche.de, 02.06.2026 (online)

