In der Internet-Urzeit war das Netz eher ein Verzeichnis, in das Dienste wie „Yahoo!“ mit gepflegten Linklisten etwas Ordnung brachten. Dann kam Google, durchsuchte das Web selbst und verbarg die Auswahlentscheidung hinter einem Vorhang. Dann kamen die Plattform-Algorithmen, merkten sich, was man suchte und zeigten einem ähnliche Dinge auch ungefragt. Inzwischen geben KI-Chatbots Antworten, die durch ihr selbstbewusstes Auftreten und die flüssige Form den Anschein von Glaubwürdigkeit vermitteln, aber Quellen verschleiern.
„Der blinde Fleck ist (…) kein Zufall. Jede neue Gatekeeper-Generation war erfolgreicher darin, die eigene Machtausübung zu verschleiern“, sagt Fehrensen. Und mit jedem Schritt ging „kognitive Reibung“, so nennt Fehrensen das, verloren, anders gesagt: die Notwendigkeit, selber zu denken. Und wenn man eins aus 5.000 Jahren dokumentierter Weltgeschichte weiß, dann ist es: Der Mensch ist anfällig für Bequemlichkeit.
Man kennt das selbst aus unterschiedlichen Situationen. Sobald das Navi steuert, hört man auf, sich zu orientieren. Man lässt sich an die Hand nehmen. Was dadurch verloren geht, fällt erst viel später auf – wenn man ohne Navi zurückfinden muss. […]
Techkonzerne sortieren Wirklichkeit vor. Und man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, es reicht schon aus, die Nachrichten aufmerksam zu verfolgen, um zu erkennen, dass eine kritische demokratische Öffentlichkeit für Techkonzerne weniger ein Ideal ist, sondern eher ein lästiges Hindernis.
Ralf Heimann, MDR Altpapier, 09.04.2026 (online)

