Sind die nie endenden Feeds von TikTok, YouTube (Shorts) & Co. das neue (lineare) Fernsehen? Der Vergleich liegt nahe, doch der Unterschied ist gewaltig. Was verloren geht, wenn sich keiner mehr die Mühe macht, ein Programm zu kuratieren und nur noch Algorithmen aggregieren – eine medienwissenschaftliche Einordnung. […]
Ein gewichtiger Unterschied zwischen dem sogenannten linearen Fernsehen und der Logik von Social-Media-Plattformen oder Streaming-Angeboten liegt darin, wie das Nutzungserlebnis entsteht – also darin, wie sich Fernseh-Flow und Social-Media-Feed zusammensetzen. Die Zusammenstellung der Programmpläne von TV-Kanälen wird von einer Vielzahl von Redakteur:innen, Planer:innen und anderen Entscheider:innen getroffen. Mal kollektiv in Konferenzen und Meetings, mal in individueller Verantwortung.
In Anlehnung an die Medienwissenschaftlerin MJ Robinson lässt sich das Arrangieren eines Sendeplans mit dem Begriff der „Kuration“ beschreiben, den sie aus dem Kunst- und Ausstellungskontext übernimmt. […]
In den Angeboten auf digitalen Plattformen erfolgt die Zusammenstellung der Feeds oder Videoempfehlungen hingegen automatisiert auf Grundlage algorithmischer Berechnungen. Zwar sortieren, organisieren und selektieren auch Algorithmen große Mengen an Content, doch im Gegensatz zu menschlichen Kurator:innen sind sie nicht in der Lage, Kontext und Qualität von Inhalten zu bewerten. Ihr Prozessieren basiert vielmehr auf dem Sammeln und Verarbeiten von Metadaten und Nutzungsdaten und nicht auf einem Verständnis von Inhalten oder ausgelösten Emotionen. Daher entscheidet sich Robinson dafür, die automatisierte Auswahl, die auf digitalen Plattformen abläuft, mit dem Begriff der „Aggregation“ zu belegen.
Der fundamentale Gegensatz zwischen Kuration und Aggregation besteht somit im Vorliegen oder Fehlen einer menschlichen Vermittlung und Bewertung im Auswahlprozess. Genau diese aber eröffnet kulturelle Bezüge.
Menschen können Sinnzusammenhänge herstellen, die sich rein aus Daten nicht zwangsläufig ergeben würden. Allein aufgrund ihrer individuellen Erfahrungen, Gefühle und Denkweisen entstehen unterschiedliche Verbindungen. Und das ermöglicht Irritationen, Brüche oder Überraschungen.
Christian Richter, dwdl.de, 24.02.2026 (online)

