In der Kritik: Das Problem der deutschen Filmlandschaft! |

Großes Kino: Jan Böhmermann zerrupft in der aktuellen “ZDF Magazin Royale”-Ausgabe (30.04.2021) den deutschen Film. Alle Produktionen basieren laut Böhmermann auf drei Rezepten: “Arschloch mit Herz aus Gold findet große Liebe”, “Junge Leute kriegen tragische Diagnose und machen eine Reise” und “Nazi, Weltkrieg, DDR”. Zudem leiden deutsche Produktionen laut Böhmermann an Männer-Überschuss, Frauen kämen inhaltlich oft nur als “Problem” vor. Die deutsche Filmförderung bekommt ebenfalls ihr Fett weg: 400 Mio Euro stehen jährlich für Produktionen bereit, die Verteilung der Gelder komme aber einem “sexy Verwaltungsakt” gleich. Drehbücher steckten bis zu einer Förderung teilweise sechs bis sieben Jahre in der Bürokratie fest.

Jan Böhmermann kritisiert das Richtige – aber mit falschen Argumenten, so Jenni Zylka im MDR-Altpapier (03.05.2021): Ein Rant, der ja in sehr vielen Punkten gerechtfertigt war, und zwar vor allem in seinem Erstaunen darüber, dass bei einer der Förderungsanstalten, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, tatsächlich nur eine einzige Person (die Intendantin Kirsten Niehuus) seit 17 Jahren alleine über die Vergabe der Fördersummen entscheidet. 2019 verteilte sie, empörte sich Böhmermann, zum Beispiel 27 Millionen Euro, quasi nach eigenem Gusto. (Wobei vermutlich im Vorfeld doch eine ganze Menge anderer Menschen mitreden.)

Dennoch steht Böhmermanns Grundkritik auf krummen, wackeligen Dackelbeinchen. Denn seine Eingangsfrage, wieso “nicht mehr deutsche Filme mit einem Oscar ausgezeichnet werden” ist in etwa so sinnvoll wie die, warum nicht mehr US-amerikanische Filme mit dem Deutschen Filmpreis “Lola” ausgezeichnet werden: Weil der Oscar ein US-amerikanischer Filmpreis ist, und nur eine einzige Kategorie für internationale Produktionen zur Verfügung steht. …. Um zu beweisen, wie doof der deutsche Film ist, suchte Böhmermanns Redaktion alsdann die beknacktesten deutschen Filme, Filmtitel und Filmplakate aller Zeiten heraus, indem sie wild Til Schweiger- und Matthias Schweighöfer -Keinohrhasen-Irre sind männlich-Kokowääh-Komödien collagierte. Und ja, die sind größtenteils genauso schlicht wie sie aussehen, aber das könnte man natürlich ebenso mit noch viel mehr und noch viel beknackteren US-amerikanischen Popcorn-Filmen toppen. …. Zudem ist Böhmermanns Erklärungsvorschlag, der deutsche Film werde vielleicht einfach zu sehr von Männern gemacht, zwar schick feministisch, aber nicht mehr ganz zeitgemäß, weil gerade die letzten Jahre einen anderen Trend zeigten, mit spitzenmäßigen, preisgekrönten oder nominierten Regisseurinnen wie Maren Ade, Julia von Heinz, Emily Atef, Nora Fingscheidt, Anne Zohra Berrached oder Valeska Grisebach. Die Idee ist also gut, die Begründung hinkt aber. ….

Dabei hätte der Mann doch so begrüßenswert und medienwirksam zur besten Sendezeit die Erneuerung des deutschen Films fordern können, nämlich mit den Frankfurter Positionen, die schon 2018 ebenfalls die Finanzierungssysteme kritisieren, und sich läääääängst über intransparente, verkrustete und künstlerisch ungerechte Strukturen echauffieren, kommerzielle Kriterien ablehnen und den Regionaleffekt abschaffen wollen.“

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Zitat der Woche
Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
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Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)