Zitiert: Streaming hat die Medienlandschaft verändert

Um eine halbe Dekade Streaming (oder auch: Video-on-Demand/VoD) zu rekapitulieren, müssen diese beiden Aspekte, der wirtschafts- und medienpolitische, wie auch der Gesichtspunkt der Qualität der neuen fiktionalen Inhalte aufeinander bezogen werden. Dabei stellt sich die Frage, warum das klassische lineare Fernsehen mit seinen unendlich vielen Krimis, Dokus, Talkshows und den obendrein in Mediatheken verfügbaren Angeboten nicht ausreicht. Was bewegt immer mehr Zuschauer dazu, neben der Versorgung durch das öffentlich-rechtliche und private Fernsehen wie auch das alte Pay-TV à la Sky noch kostspielige Zusatzangebote wahrzunehmen? Zeigen Anbieter wie Netflix und Amazon Prime Video Inhalte, die im linearen Fernsehen nicht vorkommen? ….

Die Anzahl der neuen Eigenproduktionen ist seit dem Start des Streaming-Angebots sehr unübersichtlich geworden. Kino- und Medienredakteure reagieren zuweilen gereizt. Die genervte Frage, wer sich das noch alles ansehen soll, ist jedoch falsch gestellt. Zu diskutieren wäre eher, inwiefern die klassische Gatekeeper-Funktion des Medienkritikers, der den Überblick behält, sich nicht in Auflösung befindet. Wie problematisch der Versuch ist, allein die wichtigsten Serien der vergangenen fünf bis sechs Jahre zu überblicken, führte Georg Seeßlen in seinem im November 2019 in der Wochenzeitung „Jungle World“ veröffentlichten Essay „Serialize it!“ vor Augen.

Mit seiner akribisch erstellten Liste hakte der prominente Filmkritiker gefühlt alle Streaming-Serien ab, um nachzuweisen, dass sie jeweils in der Tradition des Kinos stehen. In dieser Perspektive hätten Streaming-Anbieter nichts wirklich Neues geschaffen. Aus der Sichtweise der politischen Ökonomie betrachtet, gehe es ihnen darum, „vor allem neue Kommunikationswege“ zu verkaufen. Angesichts dieser Angebote werde der Serienkonsument zur bloßen Marionette: „Ein großer Irrtum indes wäre es“, so Seeßlens Fazit, „sich das zu holen, was man ‘will’. Man kann sich nur holen, was die Echokammer vom eigenen Geschmack und den eigenen Wünschen wiedergibt.“ ….

Die Bedenken von Georg Seeßlen und Peter Kosminsky, Streaming-Anbieter würden alten Wein in neuen Schläuchen anbieten und dabei vorwiegend einen amerikanischen Look bevorzugen, sind nicht ganz falsch, greifen aber aus zwei Gründen zu kurz. Zum einen sehen US-Produktionen wie beispielsweise die Serie „Living with Yourself“ – in der Paul Rudd als schluffiger Werbefachmann seinen Platz in der Welt von seinem eigenen Klon streitig gemacht wird – oftmals gar nicht so amerikanisch aus. Zum anderen bieten Netflix und Amazon Prime Video zahlreichen lateinamerikanischen, europäischen und asiatischen Filmschaffenden die Möglichkeit, eine länder- und regionalspezifische Ästhetik zu erproben. …

Kosminskys Kritik, so viel wird deutlich, blendet jene Grundsatzproblematik aus, die durch die Streaming-Anbieter in den vergangenen fünf bis sechs Jahren offenbar wurde: Das lineare Fernsehen strahlt Programme aus, die sich – entsprechend seiner Verbreitungsstruktur und seines Auftrags – an potenziell alle Zuschauer gleichzeitig adressieren. Aus diesem Grund verständigen sich Verantwortliche für fiktionale Erzählinhalte darauf, ihre Programme so zu konzipieren, dass sie es auch möglichst allen Zuschauern recht machen. Dieser aus der Strukturvorgabe erwachsene Kompromiss führt bekanntlich dazu, dass man es niemandem recht macht.

Dennoch gibt es (Ko-)Produktionen, mit denen die Öffentlich-Rechtlichen derzeit zumindest eine Annäherung erproben zwischen linearem Fernsehen und Angeboten, die ästhetisch Streaming-Produktionen ähneln. ….

Streaming, so das Zwischenfazit nach gut fünf Jahren, ist keine Konkurrenz für die Kernkompetenz des linearen Fernsehens. Durch die Überwindung landesspezifischer Grenzen und die damit verbundenen systemisch bedingten Selbstbeschränkungen machen VoD-Anbieter jedoch Defizite der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender bei der Konzeption fiktionaler Inhalte offenbar. Das letzte Wort über den Streaming-Markt ist aber längst noch nicht gesprochen. Dafür ist das neue Geschäftsmodell des Fernsehens auf Abruf noch zu jung. Aber speziell im Schlüsselmarkt USA redet man derzeit von nichts anderem mehr als von Streaming, und die klassischen Networks haben darunter mehr zu leiden denn je.

Manfred Riepe, Medienkorrespondenz, 24.02.2020 (online)

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