Abhängige Firmen haben in 2016 durchschnittlich mehr als achtmal so viel produziert wie die unabhängigen

Horst Röper hat in Media Perspektiven 06/2018 die wesentlichen Daten seiner Studie „Film- und Fernsehproduktion in Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu anderen Bundesländern“, die er alle zwei Jahre vorlegt, veröffentlicht.Im Folgenden werden interessante Auszüge zitiert:

 

Deutschsprachige Fernsehsender haben in 2015 und 2016 ein großes Volumen an Neuproduktionen bei der deutschen Produktionsbranche beauftragt. Das Gesamtvolumen lag in beiden Jahren bei 740 000 Minuten. Dieses Produktionsniveau reiht sich auf hohem Niveau ein in die Werte einer Langzeituntersuchung, die von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen beauftragt ist. Da parallel auch die vom Volumen viel kleinere Kinoproduktion hohe Werte erzielte, ergibt sich insgesamt für die Produktionsbranche ein im Langzeitvergleich sehr hohes Produktionsniveau. ….

 

Diese von Sendern bzw. deren Eignern abhängigen Firmen hatten seit Jahren einen Anteil an der Gesamtzahl der Betriebe von knapp über 10 Prozent, 2015 waren es 11 Prozent und 2016 12 Prozent. In den beiden Untersuchungsjahren waren jeweils knapp unter 100 abhängige Firmen aktiv. Während die Zahl der abhängigen Betriebe also nur leicht gestiegen ist, hat deren Produktionsvolumen in den Untersuchungsjahren sprunghaft zugenommen. Zunächst stieg das Volumen in 2015 von 300 000 auf 354 000 Minuten und in 2016 auf 398 000 Minuten. Dadurch erreichten die abhängigen Betriebe in 2016 zum zweiten Mal nach 2001 ein größeres Produktionsvolumen als die unabhängigen. Der Produktionsanteil stieg auf 53,9 Prozent (2015: 47,7 %). Mit dieser Entwicklung war ein entsprechend deutlicher Anstieg des durchschnittlichen Produktionsvolumens der abhängigen Betriebe verbunden: 2015 lag dieses bei 3 651 Minuten und 2016 bei 4 106 Minuten. Parallel ist das Produktionsvolumen der unabhängigen Betriebe in beiden Jahren zurückgegangen. Mit 340 000 Minuten wurde in 2016 ein Wert wie zuletzt im Jahr 2002 erzielt. Aus Sicht der unabhängigen Betriebe ist besonders bedenklich, dass deren durchschnittliche Jahresproduktion weiter gesunken ist: von 570 Minuten in 2014 auf 516 in 2015 und schließlich auf 475 Minuten in 2016. Dies ist der schwächste Wert in der Langzeituntersuchung. Die abhängigen Firmen haben in 2016 durchschnittlich mehr als achtmal so viel produziert wie die unabhängigen.

An dem inzwischen außergewöhnlich hohen Marktanteil der abhängigen Produktionsfirmen sind auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit ihren Tochter- und Beteiligungsunternehmen beteiligt. Im Rahmen der Langzeituntersuchung war bereits in früheren Jahren darauf hingewiesen worden, dass bei den Anstalten keine Abkehr von Strategien eines vertikalen Verbundes erkennbar sei, obwohl in deren Gremien immer einmal wieder darüber debattiert wird. …

 

Für die Fictionproduzenten ist die Entwicklung der Nachfrage einmal mehr enttäuschend. Das Nachfragevolumen ist zunächst in 2015 um 3 000 Minuten rückläufig gewesen. In 2016 wurden noch einmal über 11 000 Minuten weniger geordert. An der gesamten Fernsehproduktion hatte die Oberkategorie Fiction in 2016 nur noch einen Anteil von 16,7 Prozent (2015: 18,2 %). Besser entwickelt hat sich die Nachfrage für die Info-Produzenten. Nach einem Einbruch in 2014 folgte in 2015 eine Steigerung der Nachfrage um knapp 20 000 Minuten und in 2016 um nochmals 10 000 Minuten. Der Anteil der Infogenres betrug in 2016 immerhin wieder 27 Prozent. Dominant sind weiterhin mit einem Anteil von knapp 50 Prozent an der Auftragsproduktion die Entertainmentgenres. … Nachgefragt wurden Fictionproduktionen vor allem für das Erste (35 %) und das ZDF-Hauptprogramm (25 % bzw. 23 %). Mit einem Anteil von 17 Prozent in beiden Jahren war auch RTL ein wichtiger Auftraggeber. Auf rund 10 Prozent kamen die Dritten Programme. Die sonstigen Programme waren für die Fictionproduktion nachrangig. … Die Nachfrage nach Formaten bis zu einer Länge von 60 Minuten ist in Deutschland auch in 2015 und 2016 rückläufig gewesen, allerdings nur leicht. In 2015 wurden 87 000 Minuten (2014: 90 000) produziert, in 2016 83 000 Minuten. Der Höchststand der Nachfrage war 2007 mit 160 000 Minuten erreicht worden. Für die Branche der Fictionproduzenten haben die Serien aber weiterhin eine große Bedeutung, weil mit ihnen anders als mit der Produktion von Movies oder Kinofilmen für eine längere Zeit eine kalkulierbare Auslastung erreicht wird.

Mit Abstand größter Auftraggeber war in den Jahren 2015 und 2016 mit jeweils 33 000 Minuten das Erste. Das entspricht einem Anteil von jeweils knapp 40 Prozent. Rang 2 belegte RTL mit rund 19 000 bzw. 20 000 Minuten und einem Anteil von jeweils 23 Prozent. Das ZDF kam mit jeweils gut 15 000 Minuten auf knapp 20 Prozent. Das von den Dritten beauftragte Volumen ist von gut 9 000 Minuten in 2015 auf 6 000 Minuten in 2016 zurückgegangen. Die übrigen Sender haben in der Serienproduktion eine nur untergeordnete Bedeutung. …

In großem Umfang sind heute allein noch bei RTL und bei der ARD Daily-Soaps vertreten. Die Blütezeiten von Telenovelas und von Gerichtsshows sind ohnehin Vergangenheit. …

 

Gerade unter dem Aspekt der publizistischen Vielfalt ist die Nachfrageentwicklung bei den Informationsgenres in den Untersuchungsjahren positiv gewesen. Nach einem Tiefpunkt in 2014 mit nur noch 173 000 Minuten stieg die Nachfrage in 2015 auf 191 000 Minuten und in 2016 auf 203 000 Minuten. … Bei den journalistischen Langformaten ist im Sinne eines publizistisch vielfältigen Angebots eine besonders positive Entwicklung zu verzeichnen. Sowohl für 2015 als auch für 2016 wurden jeweils neue Produktionsrekorde festgestellt: In 2015 stieg das Produktionsvolumen zunächst um 14 000 Minuten auf eine Jahresproduktion von 100 000 Minuten. In 2016 wurde dieser Wert nochmals um 5 000 Minuten überboten. Die rasante Steigerung hat mehrere Gründe. Auch wenn in dieser Studie nicht die Programmleistungen deutschsprachiger Programme insgesamt dargestellt werden, sondern nur jener Teil der Programme, der außerhalb der Sender entsteht, ist die Entwicklung ein Vielfaltsgewinn. Das Spektrum eigener redaktioneller Leistungen der Sender wird durch die Auftragsproduktion um die Blickwinkel und Sichtweisen einer Vielzahl weiterer Journalisten ergänzt. Sie berichten mit Dokumentationen, Reportagen und Porträts oder analysieren und kommentieren mit Features. … Bedeutendste Auftraggeber für dieses Genre sind aber traditionell die Dritten Programme mit einem Anteil von 29 Prozent am Auftragsvolumen sowie arte. … Ähnliche Programmänderungen bei seinem Dritten Programm haben bereits vor einigen Jahren dazu geführt, dass der NDR jährlich ein Volumen von mehr als 10 000 Minuten für Reportagen über norddeutsche Themen beauftragt und damit ganz wesentlich eine breite Produktionsbranche im Norden stützt. Bei Formaten wie der „Nordreportage“, „Nordstory“, „Typisch“ oder „NaturNah“ mag es sich um Low-Budget-Produktionen handeln, für die allerdings eine Fülle von Aufträgen vergeben wird. Der NDR hatte damit wie in den Vorjahren unter den Dritten Programmen erneut eine Spitzenstellung mit einem Auftragsvolumen von 12 000 Minuten in 2015 und 11 000 Minuten in 2016. …

 

Die Produktion von Kinofilmen weist in den letzten Jahren – abgesehen vom Spitzenjahr 2013 – relativ stabile Werte auf. In den Untersuchungsjahren 2015 und 2016 sind erneut jeweils gut 300 Filme produziert worden. Auch die Anzahl der an der Produktion beteiligten aktiven Firmen ist über die Jahre relativ stabil. In 2015 waren 287 Firmen daran beteiligt, in 2016 260 Firmen. Kinofilme werden häufig in Koproduktion realisiert. In Ausnahmen sind bis zu fünf Firmen an solchen Produktionen beteiligt. Daher liegt die Anzahl der Produktionsbeteiligungen stets deutlich über der Anzahl realisierter Filme. Insbesondere die langen Vorbereitungsphasen, belastet mit Finanzierungsfragen, aber auch die der Kinoauswertung häufig vorgelagerte Phase mit Festivalbeteiligungen, führen dazu, dass die Firmen in den einzelnen Jahren jeweils nur an wenigen Filmen beteiligt sind. Die Anzahl der durchschnittlich pro Jahr produzierten Filme pro Firma liegt seit Beginn der Langzeituntersuchung konstant bei 1,1 bzw. 1,2. Diese Werte zeigen sehr deutlich, wie kleinstrukturiert die Branche der Kinofilmproduzenten ist. Allerdings produziert ein erheblicher Teil dieser Firmen neben Kinofilmen auch Fernsehsendungen.

 

Mehr dazu bei Media Perspektiven (online)

Zur gesamten Studie (pdf)

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